Wenn Die Seele schweigt

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In den letzten Jahren habe ich immer mehr das Gefühl, die jungen Menschen heutzutage sind nur noch oberflächlich zu erreichen, es gelingt nicht mehr so richtig, in tiefere Schichten ihrer Seele zu gelangen, weil sie sich in diesem Bereich ihres Seins offensichtlich zu wenig entwickelt haben. Deshalb kann man darauf nur wenig aufbauen. Es gibt häufiger bei jungen Menschen keine seelische Tiefe mehr. Sie haben eine mehr oder weniger schillernde Oberfläche, deren Verdrahtung nach innen verloren gegangen ist. Somit werden die Wege auch immer schwieriger, Erziehungssituationen zu schaffen, über die Schiene:

Begegnung – Beziehung – Vertrauen

Gemeinsam Veränderung bewirken, die neue Wege zu einem gelingenden Leben bewirken könnten.

Die Schlüsselworte für ein Verständnis der Zeitsituation ist sicherlich das immer geltende Modell von Leib-Seele-Geist, sowie wir es in der Waldorfpädagogik benutzen, um unser tägliches Handeln zu begründen und Methoden zu entwickeln, die greifen. Die Existenz des Leibes wird keiner anzweifeln, man kann ihn anfassen und wiegen, er wurde immer wieder zum Objekt intensiver rechtlicher und auch politischer Auseinandersetzungen, besonders für den Anfang des Lebens: was ist gesellschaftlich gewünscht, wer darf leben, wann darf ich leben, wie auch für das Ende des Lebens, mit der Frage, wie gehe ich würdevoll über die Schwelle.

Damit berühre ich dann den letzten Bereich meiner Dreigliederung menschlichen Seins, die geistige Sphäre der Existenz. Unser Beobachtungsgebiet ist aber, die in diesem Spannungsfeld wirkende Seele, die sozusagen als Bindeglied zwischen Körper und Geist mir das Erleben der Welt ermöglicht. Vom Fühlen der Welt bis hin zum bewussten Erfassen der eigenen gelebten Biographie und des mich umgebenden Umfeldes.

„Allein das vorhanden sein des Bewusstseins, der Erlebnisse von Lust und Schmerz, Freude oder Trauer, müsste uns darauf aufmerksam machen, dass der Leib zwar Voraussetzung und vielfach die Quelle dieser Erlebnisse ist, aber keineswegs mit ihnen identifiziert werden kann.“ (zitiert nach Lorenzo Ravagli, Erziehungskunst, Januar 2015)

Das eröffnet unmittelbar die Frage, weshalb schweigt die Seele vieler junger Menschen heute bei wesentlichen Lebenssituationen. Da würde ich mich sehr weit aus dem Fenster lehnen, behauptete ich, ich habe den Schlüssel für dieses Phänomen gefunden. Sicherlich aber habe ich / haben wir Ideen zu gerade dieser Fragestellung durch jahrelange Erfahrung gesammelt.

Menschen, die zur Welt kommen, sind ungeschützt den Einflüssen der Umwelt ausgesetzt. Die Eltern, besonders die Mutter, spielen eine wesentliche Rolle. Das kleine Baby ist ein „gierig“ alles aufnehmendes Wesen, nicht nur Nahrung, was natürlich das sichtbarste Lebensmotiv im Anfang eines Lebensganges ist, sondern auch alles andere, Worte und Gedanken der umgebenden Menschen, Farben, Gerüche, Stimmungen, Blickkontakte, Geräusche, kurz alles, was um es herum passiert. Natürlich spielt schon pränatal alles, was der Mutter passiert ist, welchen Einflüssen und Stimmungen sie ausgesetzt war, eine riesige Rolle in der Prägung des Kindes. Wir haben also oben den Einflussbereich der familiären Umgebung geschildert, dann öffnet sich die Welt des Kindes immer mehr, vom Kindergarten bis hin zur Schule und einer sich anschließenden Ausbildung.

Meine Aufmerksamkeit richtet sich für o.g. Phänomen aber mehr auf die ersten Jahre des Kindes, die sehr prägend sind. Drei gravierende Umstände befördern die Entwicklung starker seelischer Kräfte: zum einen muss das Kind viele natürliche Erfahrungen machen dürfen mit natürlichen Materialien wie Erde, Sand, Wasser, Regen, Schnee, Pflanzen und auch mit Tieren.

Zum Zweiten muss das Kind tätige Menschen um sich haben, von denen es sich sinnvolles Tun nachahmend aneignen kann und das dritte ist, dass junge Menschen nicht abgeschoben werden in eine entpersonifizierte Parallelwelt, in eine digitale Wunderwelt, in der das Kind ungehemmt und vorbildlos schalten und walten kann und dabei das Gefühl für andere Menschen, für ein wirkliches soziales Miteinander verliert, sich nicht mehr adäquat streiten kann, keine Strategien entwickelt, Konflikte zu bestehen und deren inneres Gefühl zu Situationen sich nicht mehr entwickelt, quasi autistisch auf das reagiert, was ihm passiert.

Ich habe mit vielen jungen Leuten zusammen gesessen, die aus den unterschiedlichsten Familien kamen. Ganz oft wurde in der Gruppe der jungen Menschen über den letzten Film, das letzte Spiel oder auch über eine negative Nachricht auf Facebook gesprochen und oft an der Grenze zur Aggression, manchmal auch mit Glück, da man bei einem besonderen Spiel ein hohes Level erreicht hatte. Es war selten möglich, ein Gespräch an realen Erlebnissen zu führen, zu stark war das Gedankengut von Scheinrealität überlagert.

Durch die ständige Medienpräsenz ergeben sich im Gehirn grade bei Heranwachsenden digitale Einbahnstraßen, die ein programimmanentes Handeln vorgeben. Andere synaptische Vernetzungen ergeben sich nicht, werden nicht gepflegt und auch nicht ausgebaut. Prof. Hüther schreibt sehr deutlich darüber in einigen Veröffentlichungen und Vorträgen und auch in Manfred Spitzers Buch „Digitale Demenz“ wird grade darüber sehr deutlich berichtet.

Die Reaktionen der Jugendlichen in Konfliktsituationen spiegeln das. Sie können sich nicht mehr adäquat auseinandersetzen, es kommt keine Handlung mehr zustande, die vom Gefühl und von begleitenden Gedanken geführt werden, sondern es kommt gleich zu Überreaktionen, die oft sehr aggressiv sind. Ein falscher Blick reicht.

Die Medien berichten darüber, wie Gruppen von jungen Menschen sich einen Jugendlichen vornehmen und ihn zusammenschlagen, bis er am Boden liegt und sich nicht mehr rührt. Auch dann noch wird zugetreten und das kann auch den Kopf treffen. Irreparable Schäden werden in Kauf genommen, die Seele aber schweigt.

Bei einem Fall konnte ich eine Gerichtsverhandlung mitmachen. Eindeutig war zu beweisen, wer was gemacht hatte, denn die ganze Sache war auch noch gefilmt worden. Diese direkte Konfrontation zeigte Wirkung und einige der minderjährigen Täter brachen weinend zusammen.

Das untermauert meine Ansicht zu folgender Überlegung: Wenn also in Stresssituationen die Seele nicht mit all ihren Facetten – Denken, Fühlen und Wollen - reagiert, dann reagieren plötzlich die instinkthaften Reaktionen – flüchten, tot stellen oder angreifen. So wären die nicht erklärbaren, plötzlich auftretenden aggressiven Taten zu erklären.

Auch im Bereich der sozialen Kontakte werden die Möglichkeiten geringer, anderen Menschen wirklich näher zu kommen. Kontakte werden im Internet begründet, die dort zu findenden Informationen sind nur begrenzt wahr und ein reales Aufeinandertreffen ist schutzlos den Scheinerfahrungen – gelernt in einer Parallelwelt - ausgeliefert. Schnell kommt es zu Streitigkeiten und die Möglichkeiten, einen Konflikt gewinnbringend zu beenden, ist verschwindend gering. Fehlende Sozialkompetenz, oft auf beiden Seiten gab der aufkeimenden Beziehung keine Chance. Eine Welt, in der Beziehungen keine Chance haben, hat keine Hoffnung auf eine Zukunft.

Die große Frage, die daraus entsteht, ist die Frage nach Veränderungsmöglichkeiten. Da fängt die Aufgabe aber erst an.

Ein allererster Beginn wäre, dass jeder versucht, sich selbst zu verändern, im nächsten Umkreis dadurch zu wirken und dann in überschaubaren Kreisen gemeinsam an all diesen Fragen neue Ideen zu entwickeln. Je mehr Menschen das tun, desto schneller wird unsere Gesellschaft wach werden. Fest steht, dass die Vernachlässigung der Pflege der seelischen Kräfte des Einzelnen, ja geradezu die Vernichtung seelischer Kräfte Einhalt geboten werden muss. Die Aufgaben sind eigentlich klar......

                                                                                                         Rainer Dormann