Erziehen oder zwingen, einige Gedanken….

 

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Gewalt fängt nicht an

Wenn einer einen erwürgt

Sie fängt an

Wenn einer sagt:

Ich liebe dich:

Du gehörst mir!

 

Die Gewalt kann man vielleicht nie

Mit Gewalt überwinden

Aber vielleicht auch nicht immer

Ohne Gewalt.

                                       Erich Fried

 

In einer Zeit, in der gewalttätige Aktionen in den Medien unseren jungen Menschen (und nicht nur denen……..) dem Zeitvertreib dienen, ist es umso wichtiger, sich gerade mit diesem Thema zu beschäftigen. Fernsehen, Internet und „Spiele“ haben in dieser Richtung längst das Maß des Erträglichen überschritten und wir bewegen uns eigentlich nur noch in dem Bereich, das Schlimmste verhüten zu wollen. Der Schritt zur Gewaltausübung des Einzelnen ist dann schnell getan. Und das in einer Gesellschaft, die sich rühmt, alles vernünftig geregelt zu haben

 

Was ist eigentlich unter Gewalt zu verstehen? Unter Gewalt ist jeder Eingriff in die Integrität eines anderen Menschen zu verstehen, der die körperliche, seelische und geistige Unversehrtheit und das Recht auf Selbstbestimmung beeinträchtigt.

Gewalt ist nicht von vorneherein etwas Negatives, sondern sie kann ja auch dazu dienen, um den einzelnen in der Gemeinschaft zum Wohle des sozialen Ganzen Grenzen zu setzen. Die Grundlage dazu ist das Gesetz. Hier ist es wohl wichtig, die unterschiedlichen Formen von Gewalt aufzuzeigen, es gibt:

 

Körperliche Gewalt

Seelische Gewalt

Sexuelle Gewalt

Materielle Gewalt

Strukturelle oder auch institutionelle Gewalt

 

Jedem Menschen, der sich mit Fragen von Gewalt und Übermächtigung beschäftigt, wird sehr schnell klar, dass man hier nicht über ein weit weg liegendes Gebiet spricht, sondern, dass man recht schnell mit seinem eigenen Gewaltpotential und seinem eigenen Übermächtigungsstreben beteiligt ist und täglich mit diesem Problem zu tun hat. Gerade wir, die wir mit einem erzieherischen Auftrag ausgestattet sind (die Profis!) und es immer mit Beziehungen zu tun haben, die Übermächtigungs- und somit auch Gewalttendenzen begünstigen, müssen uns dessen bewusst sein. Denn in diesen Beziehungen, die für eine qualitätvolle pädagogische Tätigkeit unabdingbar sind, geht es immer um ungleiche Kräfte, und im Jugendalter bis hin zum Erwachsensein gilt es mit besonderer Vorsicht zu handeln. Wie schnell gerate ich in Situationen, in denen ich zu Mitteln greife, die nicht als erzieherische Maßnahmen zu werten sind, sondern eher als Zwangsmaßnahmen zu verstehen sind. Beispiel: ich sitze im Büro und habe viel zu tun (was sonst?). Einer unserer jungen Männer tritt ein und fragt „Wie geht’s?“ Nach der Antwort “Gut“ und auf die Frage „Was willst du denn von mir?“, kommt die Antwort, „ Ich will nur mal schauen“, fängt der junge Mann an, so nebenbei in den Akten zu blättern, die eine oder andere Schublade aufzuziehen, eben einfach zu nerven. Auf die Aufforderung „Lass das“ und auf die wiederholt geäußerte Bitte „Geh bitte hinaus und lass die Finger von den Sachen, ich muss das hier noch zu Ende machen, dann komme ich“ und keiner diesbezüglichen Reaktion, stehe ich auf und schiebe den jungen Mann unter Anwendung leichter Gewalt vor die Tür. Im Kollegenkreis besprochen, wird klar, dass es sich hier um eine verständliche, aber letztlich um einen Situation handelt, in der ein Mittel der Gefahrenabwendung als Erziehungsmittel eingesetzt wurde. Das führt direkt zu der Frage, wo verläuft eigentlich die Grenze zwischen Erlaubtem und verbotenem Handeln? Wir müssen also ständig sehr wach sein, um nicht unsere erzieherisch ausgerichtete Aufsichtsverantwortung zu vermischen mit Mitteln der Gefahrenabwehr. Denn Mittel der Gefahrenabwehr dürfen eben nur Einsatz finden, wenn Selbst- oder Fremdgefährdung droht. Das oben beschriebene Beispiel ermöglicht wegen seiner „Ungefährlichkeit“ ein gefahrloses Umgehen, zeigt aber deutlich auf, dass es eigentlich keine Zugeständnisse geben darf im Hinblick auf gewaltfreie Erziehungsmethoden. Es ist letztlich eine Haltungsfrage wie ich mich einer Problemsituation nähere.

Um auch im Umgang mit massiv grenzverletzenden jungen Menschen nicht handlungsunfähig zu werden, darf natürlich keine Ohnmachtssituation entstehen, dazu muss gerade institutionell viel getan werden. Offener Umgang mit diesen Fragen innerhalb des Kollegiums, freier Erfahrungsaustausch, gegenseitige Hilfestellung, intensive Fortbildung in diesem Bereich, usw.. Ein Klima der Gewaltfreiheit muss sozusagen als guter Geist durch die Einrichtung wehen. Somit wird die innere Option, gewaltig zu werden, in keiner Weise genährt.

 

Diesen Artikel schrieb ich auch als Beitrag zu der Diskussion in unserem Verband für anthroposophische Heilpädagogik, Sozialtherapie und soziale Arbeit, der sich mit der Begründung einer Fachstelle für Prävention beschäftigt. Sowohl im Gesamtverband, als auch im Bereich Region Nord gibt es dazu intensive Bemühungen. Hilfestellung gibt uns dabei Frau Annelies Ketelaars, einer in der Schweiz lebenden Holländerin, die in der Fachstelle für Prävention für den dortigen anthroposophischen Verband tätig ist. Sicherlich wird es wichtig sein, dass es in jeder Einrichtung einen verantwortlichen Menschen geben wird, der sich intensiv mit der Problematik auseinandersetzt und auch im Sinne eines Vertrauensmenschen von allen Parteien angesprochen werden kann. Die zu gründende Fachstelle wird Ansprechpartnerin, Beratungs- und Informationsstelle für unsere Einrichtungen sein, bei Fragen von Prävention und Intervention min Zusammenhang mit allen Formen von Gewalt.

 

Rainer Dormann

Unsere Fachstelle für Gewaltprävention erreichst du unter:

Fachstelle Nord:
Katrin von Kamen: Tel.: 05803 - 96 477, Mobil: 0160 - 70 13 548 und 0151 - 52 72 84 55
Helmut Pohlmann: Tel.: 04293-89 06 813, Mobil: 0151 - 52 72 84 55
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