Kindheit adè – was können wir tun?

Kindheit Adé!

 

In den letzten Jahren hat sich die Sozialarbeit mit Kindern und Jugendlichen, die der Erziehungshilfe / Lebenshilfe bedürfen, stark verändert. Einrichtungen wie die Solveigs Hof Gemeinschaft, die mit einem menschlichen Beziehungsangebot in einer familienangenäherten Wohnsituation arbeiten, haben es zunehmend schwerer, Gruppen mit diesem pädagogischen Konzept zu führen. Eine vertrauliche Beziehung ist für diese pädagogische Arbeit mit den jungen Menschen unabdingbar. Das ist ja so schön beschrieben in dem kleinen Prinzen von Saint-Exupéry. Dort geht der kleine Prinz auf den Ratschlag eines Geographen hin auf den Planeten Erde und trifft dort schließlich einen Fuchs. Den fragt er, ob er mit ihm spielen dürfe. Dieser sagt ihm, dass das nicht ginge, da er ihn erst zähmen müsse. Nun fragt er den mehrmals, wie das denn zu machen sei und dann gibt ihm der Fuchs zur Antwort, zähmen heißt „sich vertraut machen“. Und dieses Vertrauen zu erwerben, ist die große Aufgabe jedes Erziehers von Kindern und Jugendlichen.

Zunehmend mehr habe ich den Eindruck, dass verlässliche Beziehungen nicht mehr entstehen und die Beziehungen, die entstehen zeitlich begrenzt und zielbezogen eingerichtet sind. Beziehungen haben keine Dauer mehr und es steckt eigentlich immer eine Forderung im Zulassen von zeitbezogenen Beziehungen. Die „ich will aber“ Haltung, überlagert die Möglichkeit einer empathischen Empfindung. Somit leben diese jungen Menschen einen verzweifelten Lebenskampf im Hier und Jetzt, egoistisch, aber mit nicht mehr als sich selbst, auf den sie sich verlassen können, immer auf der Hut, keinem vertrauend.

 

Die Frage drängt sich da auf, wenn das vor einigen Jahren noch nicht so war, was sind die Entwicklungsbedingungen einer solchen Prägung bis heute. Bevor ich ein wenig auf die veränderten Entwicklungsbedingungen eingehen möchte, so gibt es dazu eine Grundbedingung, die mich sehr beschäftigt und wo ich noch keine Antworten sehe. Diese Grundbedingung heißt und sie ist überall entschuldigend zu hören, „die Welt hat sich nun mal so entwickelt und die Kinder müssen sich eben mit dieser Welt arrangieren“. Das heißt dann aber auch, dass Inhalte der Erwachsenenwelt ungebremst auf Kinder durchschlagen und diese „irgendwie verarbeitend“ damit fertig werden müssen. Inhalte, wo noch vor 30 Jahren eindeutig klar war, dass diese Inhalte in Kinderseelen nichts zu suchen haben.

 

Frage: sind heutige junge Menschen wirklich so viel stabiler und anders entwickelt, als die jungen Menschen vor noch nicht gar so langen Zeit und können somit in der heutigen Zeit ungefährdet ihre Entwicklung leben bis zu einer verantwortungsvollen sozialfähigen Persönlichkeit? Diese Frage ist so provokant gestellt, dass die Antwort förmlich herausquillt: nein, heutige junge Menschen durchlaufen ähnliche Entwicklungsstadien wie vor einigen Jahren und sind genauso zu beeinträchtigen wie vormals und werden durch die vielen „modernen“ Einflüsse hemmungslos überfordert und somit bis in die Konstitution hinein geschädigt. Sie brauchen also dringend Schutz vor den Angriffen von außen und dies besonders vor Angriffen aus dem medialen Umfeld, das gesteuert durch eine mächtige Unterhaltungs- und Werbeindustrie, gradlinig ihr Ziel verfolgt, eine Käufergruppe in ihrem Bann zu halten, die nur eins im Blick hat, Geld aus den Taschen der jungen Menschen zu ziehen. Ich vergesse dabei keineswegs, dass nicht nur die Kinder den Angriffen ausgesetzt sind, sondern auch die begleitenden Erwachsenen. D. h., dass auch die Gesellschaft ins Trudeln geraten ist und für junge Menschen ihre Vorbildfunktion verliert, denn dort gibt es auch Gewalt, Vereinsamung, starke egoistische Tendenzen, Süchte usw.. Zunehmend gibt es Eltern, die keine Erziehungskompetenz mehr haben, auch nicht mehr intuitiv wissen, was richtig und was falsch ist für ihre Kinder. Es gibt nicht wenige Eltern, die keine pädagogischen Kenntnisse haben und mehr oder weniger ausprobierend oder aufgebend ihren Erziehungsauftrag erfüllen und hoffen, dass die Kinder mit ihren Wünschen schon wissen was gut ist. So nach dem Motto, ich will eine gute Mutter, ein guter Vater sein und meinem Kind alle Wünsche erfüllen, die es hat. Und so überlassen sie die Erziehung ihrer Kinder weitgehend dem bedrohlichen Einfluss den „überzeugend“ anbietenden Medien.

 

Wo ist sie denn geblieben die unbeschwerte Kindheit, gibt es sie überhaupt noch oder wird sie überhaupt noch gewollt? Ich kann mich noch an meine Jugend erinnern, in der ich wahrlich nicht ständig erzogen wurde, sondern ich hatte die Möglichkeit, durch das begleitende Umfeld von Nachbarn, Freunden, Lehrern und Erziehern in einem guten Umfeld aufzuwachen. Es gab eben zum Glück nur wenig Medien, die mich davon abhalten konnten, samstags Fußball zu spielen, jede Woche die Pfadfinder zu besuchen, dem Turnverein anzugehören, ja die Nachmittage mit Sport und Spiel auf der Straße und im Wald und mit realen Freunden zu verbringen.

Nun ein paar Zahlen aus einem hervorragenden Artikel der Zeit, wo Frau Susanne Gaschke unter dem Titel „Verkürzung der Kindheit“ (siehe auch Literaturhinweis unten) sehr deutlich auf Missstände in der Erziehung unserer Kinder hingewiesen hat. Jedem 9. von 10  6 – 13 jährige stehen Computer und Internet zur Verfügung und sie verbringen im Schnitt 180 Minuten mit Computern, Videospielen, Internet und TV. So kommt auch die Aussage zustande, dass jedes Kind ca. 900 Werbespots im Monat sieht und diese nicht verarbeiten kann als Lügengebilde, sondern größtenteils den Aussagen vertraut und somit geschult wird, den Eltern und Erziehern zu sagen, was gut ist für sie oder nicht. Das muss man sich mal verdeutlichen wie weit eine Industrie mit einem Umsatz von vielen Millionen Euro und dem Willen den Umsatz zu erhöhen, sich anmaßt über die jungen Menschen den Eltern zu erklären, was gut ist für einen Heranwachsenden und was nicht. Die ätzenden Diskussionen und nervende Quengelei über eine neue Spielkonsole, über einen neuen PC, über ein neues Handy, über neue Videospiele, usw. führen zu Familientragödien und werden zu Spaltpilzen in dem Erziehungsprozess, der damit endet, dass die Erziehenden oft aufgeben, noch Einfluss auszuüben und sich kampflos in dem Spiel zwischen Kommerz und schwindender Lebensfreude wiederfinden. Es ist ein Krieg gegen Eltern und Erzieher, den diese in weiten Teilen schon verloren haben, wo nur noch versucht wird, das Beste daraus zu machen. Eltern und Erzieher werden zu handlungsunfähigen inkompetenten Feindbildern degradiert und eine an sich gegebene Erziehungsautorität schwindet. Die Gestaltung des Kinderzimmers wird den Kids überlassen, coolness ist das Zauberwort und ein Verhängnis nimmt seinen Lauf, dass ich damit kennzeichnen möchte, dass viele junge Menschen schon heute mehr in einer lebensfremden Parallelwelt leben, als in der lebensspenden Wirklichkeit. Wir alle beobachten, dass die jungen Menschen selbst schon im Kindesalter ständig sich von der Außenwelt abschotten und mit Knöpfen im Ohr durch den Tag gehen und einen Knopf nur noch für kurze Unterhaltungen aus dem Ohr nehmen, die nicht zu umgehen sind. Der Autist Birger hat zu seinem Autismus einmal gesagt, ich bin ein Inmich. Es liegt nahe diese Knöpfchen Gesellschaft dem autistischen Formenkreis zuzuordnen. Die jungen Leute hören nicht mehr den Wind brausen, das Rascheln der Blätter des Baumes vor ihnen, das kleine Kind , das fröhlich springend seine Lebensfreude heraussingt, sondern die selbst vorbestimmte Musik eines Interpreten von zweifelhafter Qualität. Sie leben nur noch in ihrer eigenen kleinen Welt.

 

Frau Gaschke schreibt auch in ihrem o. g. Artikel von einer Verschuldungswelle, die um sich greift und das schon bei jungen Menschen, die sich gegen den Einfluss der wunderschönen Angebote nicht mehr wehren können, wie das noch nie da war. Das neue Smartphone muss es sein, denn nur dadurch beweise ich meinem Freundeskreis, dass ich dazugehöre. Die neuen „Telefone“ gehören zum Leben wie der Kopfhörer, so dass die jungen Menschen immer mehr in nur ihre Welt gedrängt werden, da die Außenwelt ausgeschlossen wird.

Die Kosten für Anschaffung und Betrieb des Telefons sind hoch und sehr schnell geraten junge Menschen in immense Schulden, die sie dann kaum bewältigen können. Angebote, die kostenpflichtig sind, werden schnell einmal angeklickt und gekauft. Ja selbst Klingeltöne werden gekauft, die man selbst genauso gut aufnehmen und verwenden könnte. Die „Telefone“ sind alle internetfähig und somit ist dem unkontrollierten Gebrauch des Netzes Tor und Tür geöffnet.

 

Ich habe 200 Freunde, muss ich mir immer öfter anhören und gräbt man nach, so wird deutlich, dass damit nur die Freunde im Facebook gemeint sind, die ich Tag und Nacht anschreiben kann, die ich aber gar nicht richtig kenne, sondern nur das gewollte Scheinbild des Schreibenden.

Was wird da aus einer Kommunikationsfähigkeit, wie entwickelt sich ein Streiten können, wie lerne ich, mich mit anderen Menschen auseinanderzusetzen? Die Zukunft ist nicht vorauszusagen, bleiben wir auf diesem Pfad. Ich komme auf Grund meiner Arbeit zunehmend mehr mit jungen Menschen zusammen, die schon nachhaltig geschädigt sind und die kaum noch Möglichkeiten haben, intensive Kontakte aufzunehmen, die in Auseinandersetzungen kaum noch konfliktfähig sind, die sich nicht mehr beschäftigen können, die nur noch durch den giftigen Saft der medialen Verwirrung gespeist sind. Es ist erschreckend wie wenig diese Menschen noch zu erreichen sind. Sie haben kaum noch seelische Tiefe, ihre Gesprächsbeiträge beschränken sich auf Internet, Spiele und TV Eindrücke. Es gibt da keine seelische Tiefe mehr, der Speicher ist voll! Angefüllt mit virtuellen Schrott, Halbwissen und marktstrategischen Ideologien. Ein Betreiber einer Puppenbühne sagte vor kurzem zu mir, dass er mit seinen Puppenspielen kaum noch die jungen Leute beeindrucken kann, da das Kopfkino nicht mehr losgeht! Also, die Phantasiekräfte sind verspielt, verdorben, die Kräfte die da einsetzen sollten, sind nur noch dazu da, das mediale Angebot zu verwalten.

 

Was bleibt also zu tun oder ist der Krieg schon verloren?

 

Man könnte noch sehr viel mehr über diese Zusammenhänge schreiben, z. Bsp. auf die erschreckenden Inhalte der Spiele eingehen und deren Wirkung, ich will aber nun noch ein paar Möglichkeiten aufzeigen, die dem Krieg gegen unsere Kinder entgegenwirken könnt

Es zeigt sich immer mehr, dass Eltern Unterstützung benötigen, und auf das Elternsein vorbereitet werden müssten. Was man früher so nebenbei gelernt hat, ist nicht mehr selbstverständlich. Das Erziehungsumfeld ist sehr viel komplexer geworden und die Anforderungen an Eltern sind sehr gestiegen. Denkbar wären hier verpflichtende Elternkurse (in Holland wird das durchaus schon praktiziert). Hier könnten Themen wie der Tag- und Nachtrhythmus, die regelmäßige und gesunde Ernährung, der Wert von geeignetem Spielzeug, Grenzsetzungen, der Sinn des freien Spiels, der Umgang mit Medien, natürliche Materialien im Bereich Kleidung usw. besprochen und gelernt werden. Die so gewonnene Sicherheit wird sich nachhaltig positiv auf die Erziehung auswirken.

Zudem sind viele Eltern berufstätig und die gemeinsame Zeit mit den Kindern schrumpft sehr zusammen. Auch gibt es heute viele alleinerziehende Mütter und auch Väter, die, um einen vernünftigen Lebensstandard halten zu können, auch noch arbeiten gehen müssen. Die Kinder werden dann zwangsläufig belastenden Erziehungssituationen überlassen. Diese Eltern können dann auch nicht mehr umfassend informiert sein über das Wohl ihres Kindes. Diese Elternteile benötigten einfach mehr finanzielle Sicherheit, um ihre Kinder gesund aufwachsen lassen zu können, nicht zuletzt deshalb, weil die Kinder nur so zu tapferen Steuerzahlern heranwachsen können. Das ist eine Frage der Allgemeinheit. Die bessere Finanzierung könnte übrigens an die erfolgreiche Absolvierung von Elternkursen gekoppelt werden.

Die U – Untersuchungen müssten intensiviert werden. Zusätzlich zum Arzt könnte beispielsweise ein Pädagoge aus der Frühförderung mit anwesend sein und gemeinsam mit dem Arzt das Kind anschauen. Es geht dabei um frühzeitige Hilfe und nicht um Kontrolle. Das Zauberwort wäre hier die Früherkennung von problematischen Situationen.

Irgendwie müsste es gehen, dass die Beweislast für die Güte von Angeboten an junge Menschen nicht den Eltern und Erziehern und pädagogisch qualifizierten Menschen überlassen bleibt, also wenn das Produkt – Spiele, Filme, Spielzeug, Kinderkleidung, usw. – schon auf dem Markt ist, sondern die anbietende Industrie müsste vorher per Gutachten oder sonstigem Nachweis erklären, dass es sich hier um ein hochwertiges Produkt handelt und im Erziehungsprozess von Kindern vertretbar ist. Diese Erreichung dieses Gütesiegels müsste verpflichtend vorgeschrieben werden und was als schlecht bewertet wird, dürfte gar nicht erst den Markt erreichen. Dazu Zitat Frau Glaser (aus Zeitartikel wie o.g.): „Eine gedankliche Beweislastumkehr muss her: wer mit Produkten für Kinder Geld verdienen will, steht moralisch in der Pflicht, plausible elterliche Bedenken gegen sie zu entkräften, besser noch, ihre Nützlichkeit nachzuweisen.“ So könnte es gehen, der Erzeuger eines Produktes muss die Unbedenklichkeitsbescheinigung vorweisen.

 

Wir alle, die wir uns mit Pädagogik beschäftigen, müssen unserer Empörung Luft machen zu den Stellen, die Einfluss im o. g. Sinne ausüben können. Politiker und Abgeordnete und wissende Profis sollten sich dieses Themas annehmen. Die Kindheit ist zu wertvoll und zudem der Goldgrund für spätere wirksame Lebensqualität jedes Einzelnen. Wir müssen diesen „Krieg“ gewinnen, sonst sieht es schlecht aus schon in nächster Zukunft für unsere Menschengemeinschaft!

 

Rainer Dormann

 

 

Literaturhinweis

Rettet die Kindheit, Susanne Gaschke, erschienen in Die Zeit, Donnerstag 08.09.2011, Nr. 37

Die verkaufte Kindheit, Pantheon-Verlag, Susanne Gaschke